--- DIE REPORTAGE ---
 
Keine Hänseleien in der Halbzeitpause
Beim Post-SV werden übergewichtige Nachwuchs-Kicker nicht gleich ins Tor abgeschoben

Fußball spielen finden sie auf der Playstation spannender als auf dem Platz und Pommes schmecken ihnen besser als Äpfel: Viele Kinder sind übergewichtig, weil sie sich zu wenig bewegen. In unserer Serie rund ums Abspecken lädt der Post-SV ein zum Fußball-Training.

„Christian, du bist zu dick“, sagt die Mutter und dann geht‘s ab zum Sport. So einfach ist der gute Vorsatz in Wirklichkeit leider nicht umzusetzen. Gerade übergewichtige Kinder haben oft Scheu, sich in einem Verein zu engagieren. Sie haben Angst vor Hänseleien und fürchten sich davor ausgelacht und abgehängt zu werden. Beim Post-SV, der für seine erfolgreiche Nachwuchsförderung bekannt ist, blüht ihnen nichts dergleichen, verspricht Jugendleiter Lothar Mack. 50 bis 60 Kinder kommen wöchentlich ins Training der G-Junioren — nicht alle sind rank und schlank.

 
Spaß sogar bei Koordinationsübungen: Beim Post-SV widmet man sich den Schwächen der Kinder mit speziellen Übungen - mit Erfolg. Foto: Iannicelli © NÜRNBERGER NACHRICHTEN  

„Es ist wichtig früh anzufangen“, sagt Mack. Gerade bei den Jüngeren in der G- und F-Jugend seien Hänseleien absolut selten. Der Coach appelliert an die Eltern: „Die Kinder müssen an den Sport herangeführt werden.“ Auch die etwas dickeren könnten dann schnell Erfolge feiern und Spaß an der Sache haben. „Sie kommen nur viel zu selten.“ Zehn bis 15 Prozent der Nachwuchsspieler seien übergewichtig, viele gäben schnell wieder auf. „Dabei ist bei uns wirklich jeder willkommen — und sei es nur für eine Probestunde.“

Auch Stefan Adler, Trainer der Herrenmannschaft beim Post-SV ist sich seiner Aufgabe gegenüber dem Nachwuchs bewusst. „Wir müssen die übergewichtigen Spieler besonders fördern.“ Es genüge nicht, die pfundigeren Kinder einfach ins Tor zu stellen oder als Libero einzusetzen, wo sie einfach auf den Ball warten müssten, ohne viel zu laufen. Deshalb haben sich Adler und Mack spezielle Übungen für die Betroffenen einfallen lassen. Im abwechslungsreichen Lauftraining mit Slalom und Hindernissen werden zunächst Kondition und Wendigkeit verbessert. Zwar kann sich der Coach nicht um alle Kinder gleichzeitig kümmern, aber es haben auch nicht nur die übergewichtigen Schützlinge Probleme. „Koordinationsschwierigkeiten gibt es bei den Kleinen immer häufiger“, sagt Adler. „Einigen fällt es sogar schwer, einfach nur rückwärts zu laufen — ganz unabhängig von ihrem Gewicht.“

Als Grund sieht Jugendleiter Mack „ganz klar mangelnde Bewegung, ein Leben vor dem Fernseher und die falsche Ernährung“. Er bedauert, dass in den höheren Altersklassen einige Jugendliche einfach nicht mehr zum Training kommen, weil sie auf Grund ihres Gewichtes nicht mit der Mannschaft mithalten können. „Das lässt sich einfach nicht vermeiden. Irgendwann geht es um Leistung und da sind die Kinder dann oft gehandicapt.“ Es gebe aber natürlich auch schlanke Spieler, die einfach kein Talent zum Fußballspielen hätten und deshalb die Lust verlören. Für die Übergewichtigen sei es aber essenziell, sich Alternativen zu suchen — wie spezielle Bewegungskurse oder Kinderturnen.

Schon häufig hat der Jugendleiter am Spielfeldrand Gespräche mit Eltern geführt und Tipps zu Ernährung und Bewegung im Alltag gegeben. Es frustriert ihn, zu sehen, wenn jemand Spaß am Sport hat, aber nicht lange durchhält, weil sein Körper ihn behindert. „Oft wissen die Väter und Mütter, dass sie etwas gegen das Übergewicht ihres Schützlings tun müssen. Aber ich kann sie ja nicht zwingen“. Es sei ein guter Anfang, mit den Kleinen ins Training zu kommen.

„Das alleine genügt jedoch nicht“, betont Adler, „regelmäßige Bewegung ist der Schlüssel“ — sei es auf dem Klettergerüst oder beim Straßenfußball. „Auch eine kleine Wanderung querfeldein verbessert die Koordination und hilft beim Abspecken.“ Hauptsache, es bleibt nicht nur ein guter Vorsatz. CLAUDIA FREILINGER

14.6.2006 0:00 MEZ © NÜRNBERGER NACHRICHTEN