POST SV NÜRNBERG - REAL MADRID - "KUNSTRASEN 2011"
   
Kunstrasen – kein Grund für Streit
Für die Kicker des Post-SV hat die Faser sogar einen ganz besonderen Wert
NÜRNBERG - Wettbewerbsverzehrung,
Unfairness: Was wurde in den letzten Wochen nicht alles über den Kunstrasen im Moskauer Luschniki-Stadion gesagt, auf dem Ballack und Co. am Samstag (17 Uhr, ZDF) ihr wohl wichtigstes WM-Qualifikationsspiel absolvieren. Eine Aufregung, die bei Nürnberger Amateurvereinen auf wenig Verständis trifft. Hier bedeutet der grüne Kunstrasen große Unabhängigkeit.

Für so einen Platz wie den in Moskau würde Post-SV Trainer Stephan Adler wahrscheinlich freiwillig zu Fuß nach Russland pilgern. Denn von einem solchen Geviert kann man an der Ziegenstraße derzeit nur träumen. Zu einem Sandkasten ist der rund 23 Jahre alte, vereinseigene Kunstfaserteppich mittlerweile mutiert. Wahres Fußballfeeling kommt da nicht mehr auf. «Es gibt hier keinen Flor mehr, keinen Kunstrasen mehr. Es ist eigentlich nur noch ein Sandplatz«, beschreibt Adler den maroden Zustand. Und doch würde der Coach des Bezirksligisten das künstliche Grün nicht missen wollen. Denn während man bei Deutschlands Profiklubs in den Wintermonaten gelassen an den Thermostaten der Rasenheizungen dreht, bedeutet Kälte und Schnee für die meisten Amateurklubs nicht selten das Ende der Großfeldsaison.

 
Mehr Sandkasten als Fußballfeld: Für Post-SV Trainer Stephan Adler ist der alte Kunstrasen in der täglichen Trainingsarbeit dennoch unverzichtbar.     Foto: Michael Matejka © NÜRNBERGER NACHRICHTEN  
Immer bespielbar

Nicht so beim Post-SV. «Der Kunstrasen ist ein extrem intensiv genutzter Trainingsplatz. Wir trainieren fast das halbe Jahr hier. Er ist so gut wie immer bespielbar. Wir haben in der Winterperiode teilweise bis zu drei, vier Mannschaften, die zeitgleich auf dem Rasen trainieren«, so Adler. Auch das Fehlen von Unebenheiten und Löchern sei einer der großer Vorteile. «Die Verletzungsgefahr ist viel geringer, weil man hier einfach nirgendwo reintreten kann«, erklärt der 42-Jährige.

Stellte man ihn vor die Wahl, würde sich Stephan Adler jedoch immer für den Naturrasen entscheiden: «Der Spaßeffekt ist einfach erheblich höher. Man hat ein schöneres Gefühl. Fußball und Rasen gehören einfach zusammen.«

Der Duft von Gras

So sehen das auch Adlers Schützlinge. Innenverteidiger und Kapitän Mario Bierbrauer kommt da schon mal ins Schwärmen: «Ich spiele seit 23 Jahren Fussball und ich liebe alleine den Duft. Frischgeschnittener Rasen und leichter Nieselregen, das sind für mich optimale Fußballbedingungen.« Auch Torwartkollege Steffen Kleesattel kann sich nicht für die Kunstfaser begeistern: «Bei unserem alten Kunstrasen ist die Verletzungsgefahr für den Torwart noch viel höher. Und wenn man jedes Jahr mit Verletzungen vom Feld geht, verbindet man einfach nicht so schöne Erlebnisse damit.« Außerdem werde, so Kleesattel, der Ball auf Kunstrasen sehr schnell, was ein Halten der Bälle manchmal unmöglich mache.

Aber vielleicht wird der leidgeplagte Post-Schlussmann seine Meinung künftig ändern. Wenn es nach dem Willen der Vereinsspitze geht, könnte schon 2011 spanisches Flair beim Training herrschen. «Wir haben im Juli 2009 einen Antrag für die Sanierung unseres Kunstrasenplatzes gestellt. Im nächsten Jahr, sobald Antrag und Zuschüsse genehmigt sind, werden wir uns hier einen Kunstrasenplatz der neuesten Generation, denselben wie er aktuell auch bei Real Madrid liegt, bestellen und verlegen lassen«, verrät Post-Geschäftsführer Martin Maske. Weiterhin wolle der Verein ein zusätzliches Kunstfaser-Kleinfeld bauen, «um«, wie Maske begründet, «auch im Winter mehr wetterunabhängige Trainingsflächen zu haben.«

Künstliches Grün lockt Mitglieder an

Die Kosten für beide Bauvorhaben sollen sich auf circa 500 000 Euro belaufen. Viel Geld, das jedoch nicht unnütz vergeudet sei. «Es lohnt sich, weil man bedenken muss, dass ein herkömmlicher Rasenplatz pflegebedürftiger ist. Außerdem können wir durch ein zweites Kunstrasenfeld neue Mannschaften und Mitglieder aufnehmen, da hier die Ausweitung des Trainingsbetriebes möglich ist«, sagt Maske. Und dies ermögliche, so der 56-Jährige, eine Planungssicherheit im Hinblick auf den Trainings- und Spielbetrieb.

Ob Stephan Adler und seine Kicker diese Meinung teilen werden, wird sich zeigen. Bezüglich der Kunstrasenhysterie der vergangenen Tage vertreten sie aber bereits jetzt eine klare Meinung: «Ich denke das wird überbewertet, weil viele Vereine auch in Deutschland schon auf Kunstrasen trainieren und weil man von einer Nationalmannschaft einfach erwarten kann, dass sie sich auf die Bedingungen dementsprechend einstellt. Wir haben auch schon Punktspiele auf unserem Kunstrasen gehabt. Das hat sich nie für uns als Vorteil erwiesen«, sagt Adler. Fabian Lempa
9.10.2009 © NÜRNBERGER NACHRICHTEN

<<< zur Chronik >>>